
Die konstituierende Sitzung ist die erste Sitzung eines neu gewählten Parlaments oder Gremiums. Sich konstituieren heißt, zur Gründung zusammenzutreten. Die Mitglieder wählen dort ihre Leitung und legen mit der GeschäftsordnungDie Geschäftsordnung ist ein zentrales Instrument für die Organisation politischer Gremien und Institutionen. Sie regelt verbindlich, wie Sitzungen ablaufen, welche Rechte und Pflichten Mitglieder haben und welche Verfahrensregeln gelten. Geschäftsordnungen gibt es sowohl im Bundestag, in Landtagen, in Gemeinderäten als auch in Ausschüssen. Sie bildet das Fundament für eine demokratisch geordnete Entscheidungsfindung. fest, nach welchen Regeln sie arbeiten.
Beim Bundestag hat diese Sitzung eine weitere Folge: Mit ihr endet die WahlperiodeEin Parlament wird in demokratischen Staaten für einen bestimmten Zeitraum gewählt. Diesen Zeitraum nennt man eine Legislaturperiode. Landtage in Deutschland werden beispielsweise für eine Periode von fünf Jahren gewählt und der Deutsche Bundestag für vier Jahre. des alten Bundestages, also seine AmtszeitDie Amtszeit bezeichnet den Zeitraum, in dem eine Person ein öffentliches oder politisches Amt innehat. Die Amtszeit beginnt mit der offiziellen Amtsübernahme und endet mit dem Ablauf der festgelegten Dauer oder durch vorzeitigen Rücktritt, Abwahl bzw. Amtsenthebung.. Auch die Ämter von Bundeskanzler und Bundesministern enden an diesem Tag.
Wann findet die konstituierende Sitzung statt?
Der Bundestag tritt laut Grundgesetz spätestens am 30. Tag nach der Wahl zusammen (Art. 39 Abs. 2 GG). Einberufen wird er vom bisherigen Präsidenten des Bundestages (§ 1 der Geschäftsordnung des Bundestages, kurz GO-BT). Seit 2005 tagte der neue Bundestag sechsmal in Folge erst an diesem letztmöglichen Tag. Von 1990 bis 2002 lagen zwischen Wahl und erster Sitzung 18 bis 29 Tage, wie unsere Zusammenstellung zeigt:
Wahlperiode | Wahltag | Erste Sitzung | Alterspräsident | Präsident (Ja-Stimmen) |
12. | 02.12.1990 | 20.12.1990 | Willy Brandt (SPD) | Rita Süssmuth (525) |
13. | 16.10.1994 | 10.11.1994 | Stefan Heym (PDS) | Rita Süssmuth (555) |
14. | 27.09.1998 | 26.10.1998 | Fred Gebhardt (PDS) | Wolfgang Thierse (512) |
15. | 22.09.2002 | 17.10.2002 | Otto Schily (SPD) | Wolfgang Thierse (357) |
16. | 18.09.2005 | 18.10.2005 | Otto Schily (SPD) | Norbert Lammert (564) |
17. | 27.09.2009 | 27.10.2009 | Heinz Riesenhuber (CDU) | Norbert Lammert (522) |
18. | 22.09.2013 | 22.10.2013 | Heinz Riesenhuber (CDU) | Norbert Lammert (591) |
19. | 24.09.2017 | 24.10.2017 | Hermann Otto Solms (FDP) | Wolfgang Schäuble (501) |
20. | 26.09.2021 | 26.10.2021 | Wolfgang Schäuble (CDU) | Bärbel Bas (576) |
21. | 23.02.2025 | 25.03.2025 | Gregor Gysi (Die Linke) | Julia Klöckner (382) |
Quelle: Datenhandbuch des Deutschen Bundestages, Kapitel 1.19, 4.1 und 4.7, Plenarprotokoll 21/1, eigene Zusammenstellung, Stand 11/2026
Bis zu diesem Tag bleibt der alte Bundestag im Amt, denn seine Wahlperiode endet erst mit dem Zusammentritt des neuen (Art. 39 Abs. 1 GG). So beschloss der 20. Bundestag am 18. März 2025, gut drei Wochen nach der Wahl, noch eine GrundgesetzänderungEine Grundgesetzänderung ist ein Bundesgesetz, das den Wortlaut der deutschen Verfassung ändert oder ergänzt. Dafür braucht es die Zustimmung von zwei Dritteln der Mitglieder des Bundestages und von zwei Dritteln der Stimmen des Bundesrates. (Plenarprotokoll 20/214).
Auf Bitte des BundespräsidentenDer Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt in der Bundesrepublik Deutschland und steht über dem Bundeskanzler. Sein Aufgabengebiet umfasst in erster Linie repräsentative und integrative Aufgaben sowie wichtige verfassungsrechtliche Funktionen, wie beispielsweise die Ernennung des Bundeskanzlers. müssen Bundeskanzler und Bundesminister die Geschäfte weiterführen, bis Nachfolger ernannt sind (Art. 69 GG). Die Regierung ist dann nur noch geschäftsführend im Amt. Die Kanzlerwahl gehört nicht zur konstituierenden Sitzung: 2025 fand sie erst in der zweiten Sitzung am 6. Mai statt, sechs Wochen später (Plenarprotokoll 21/2).
Wie läuft die konstituierende Sitzung des Bundestages ab?
Die Reihenfolge steht in der Geschäftsordnung des Bundestages. Den Vorsitz führt zunächst der Alterspräsident. Der Name führt inzwischen in die Irre, denn auf das Lebensalter kommt es nur noch im Ausnahmefall an (§ 1 Abs. 2 GO-BT):
„Bis der neugewählte Präsident oder einer der Vizepräsidenten das Amt übernimmt, führt das am längsten dem Bundestag angehörende Mitglied, das hierzu bereit ist, den Vorsitz (Alterspräsident); bei gleicher Dauer der Zugehörigkeit zum Bundestag entscheidet das höhere Lebensalter.“
Bis zum 1. Juni 2017 kam es auf das Lebensalter an. Dann änderte der Bundestag die Regel, weil sonst ein neu gewählter AbgeordneterAbgeordnete sind Vertreter des Volkes in einem Parlament, die durch die Bevölkerung gewählt werden. Als Abgeordnete bezeichnet man sowohl die Mitglieder des Bundes- als auch des Landtages. Ihre Aufgabe ist es, die Interessen der Wähler im Parlament zu vertreten. „ohne jegliche Erfahrungen“ die Sitzung leiten könnte (Drucksache 18/12376).
So läuft die konstituierende Sitzung des Bundestages ab
-
Alterspräsident
Eröffnung
Das dienstälteste Mitglied, das dazu bereit ist, übernimmt den Vorsitz und ernennt vorläufige Schriftführer, die ihn unterstützen.
§ 1 GO-BT -
PlenumDer Begriff Plenum bezeichnet im politischen Kontext die Gesamtheit aller Abgeordneten eines Parlaments, etwa des Deutschen Bundestags oder eines Landtags. Wenn das Plenum tagt, kommen alle gewählten Mitglieder zusammen, um öffentlich über politische Themen zu debattieren, Gesetze zu beraten und Entscheidungen zu treffen.
Geschäftsordnung
Der neue Bundestag gibt sich eine Geschäftsordnung. 2025 übernahm er per Beschluss die bisherige.
Art. 40 GG§ 1 GO-BT -
Plenum
Wahl des Präsidenten
Nach Namensaufruf und Feststellung der BeschlussfähigkeitBeschlussfähigkeit bedeutet, dass eine Gruppe (z. B. ein Parlament, eine Partei, ein Verein oder eine Mitgliederversammlung) gültige Beschlüsse fassen kann. Hierzu ist es notwendig, dass eine festgelegte Anzahl der Mitglieder an der Abstimmung teilnimmt. Die konkrete Anzahl wird im zugrundeliegenden Gesetz, der Satzung oder Geschäftsordnung festgelegt. wird geheim mit StimmzettelnEin Stimmzettel ist ein Dokument, mit dem die Wähler ihre Stimme abgeben. Darin enthalten sind die zur Wahl stehenden Parteien, Kandidaten sowie gegebenenfalls weitere Abstimmungsoptionen. Ein Stimmzettel ist ein zentrales Instrument demokratischer Wahlen, ohne das keine gültige Stimmabgabe möglich ist. gewählt. Nötig ist die Mehrheit aller Mitglieder.
§ 2 GO-BT316 von 630 -
Neue Leitung
Amtsübernahme
Der gewählte Präsident übernimmt die Sitzungsleitung vom AlterspräsidentenDer Alterspräsident ist der älteste Teilnehmer einer Versammlung, häufig eines Parlaments. Das Amt des Alterspräsidenten wird in der Regel dem Teilnehmer (Abgeordneten) mit den meisten Lebensjahren zugewiesen. In Ausnahmefällen kann der Alterspräsident auch das dienstälteste Mitglied sein. In erster Linie ist der Alterspräsident dafür zuständig, die erste Sitzung (konstituierende Sitzung) der Versammlung zu leiten bis ein Vorsitzender bzw. Präsident gewählt... und hält eine Ansprache.
§ 1 GO-BT -
Plenum
Wahl der Vizepräsidenten
Der Bundestag legt ihre Zahl fest und wählt sie geheim. Jede Fraktion darf für mindestens ein Amt jemanden vorschlagen.
§ 2a GO-BT -
Plenum
Abschluss
2025 endete die Sitzung mit der Nationalhymne. Die Kanzlerwahl folgte erst in der zweiten Sitzung am 6. Mai.
Quelle: Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages, Plenarprotokolle 21/1 und 21/2, Stand 11/2026
Vorschläge für das Präsidentenamt dürfen nur FraktionenEine Fraktion ist ein Zusammenschluss von Abgeordneten innerhalb eines Parlaments, die derselben Partei oder politisch nahestehenden Parteien angehören. Sie ermöglichen eine koordinierte parlamentarische Arbeit und bündeln politische Positionen, um den Einfluss im parlamentarischen Prozess zu stärken. machen. Gewählt ist, wer die Mehrheit aller Mitglieder erreicht, bei 630 Abgeordneten also mindestens 316 Stimmen. Erst im dritten Wahlgang genügt weniger (§ 2 GO-BT). Julia Klöckner erhielt 2025 im ersten Wahlgang 382 Ja-Stimmen (Plenarprotokoll 21/1).
Für die Vizepräsidenten gelten dieselben Mehrheiten. Jede Fraktion darf für mindestens ein Amt jemanden vorschlagen, gewählt werden muss die Person aber trotzdem (§ 2a GO-BT). 2025 scheiterte in dieser Sitzung der Bewerber der AfD-Fraktion in drei Wahlgängen.
Konstituierende Sitzungen in Landtagen, Kommunen und Ausschüssen
Auch andere Gremien treten nach ihrer Wahl oder Einsetzung zu einer ersten Sitzung zusammen. Drei Beispiele:

Landtage: Beispiel Thüringen
Im Thüringer Landtag leitet heute das Mitglied die erste Sitzung, das dem Landtag am längsten angehört (§ 1 der Geschäftsordnung). Im September 2024 kam es dort noch auf das Lebensalter an. Der damalige Alterspräsident lehnte eine Abstimmung über die Tagesordnung ab, weil sich der Landtag erst mit der Wahl des Präsidenten konstituiere. Die Sitzung wurde unterbrochen. Der Thüringer Verfassungsgerichtshof verpflichtete ihn, die Tagesordnung schon vor der Wahl zur Abstimmung zu stellen (Beschluss abgedruckt im Plenarprotokoll 8/1). Am 28. September wählte der Landtag dann Thadäus König (CDU) zum Präsidenten.

Stadt- und Gemeinderäte: Beispiel Nordrhein-Westfalen
Nach einer Kommunalwahl beruft in Nordrhein-Westfalen der Bürgermeister den Rat ein. Die erste Sitzung muss innerhalb von sechs Wochen nach Beginn der Wahlperiode stattfinden, spätestens aber drei Monate nach der Wahl (§ 47 der Gemeindeordnung).

AusschüsseEin Ausschuss ist eine Arbeitsgruppe für die Beratung von Fachthemen, die nicht vom gesamten Parlament bearbeitet werden können. Bei den Mitgliedern der Ausschüsse handelt es sich um Abgeordnete des jeweiligen Parlaments, z. B. des Bundestags. Innerhalb der Ausschüsse werden Gesetze für die Einbringung ins Plenum vorbereitet, aber auch Kompromisse zwischen den unterschiedlichen Meinungen der Parteien verhandelt.... des Bundestages
Auch die Ausschüsse kommen zu einer konstituierenden Sitzung zusammen. Dort soll der Ausschuss erstmals seinen Vorsitz wählen (§ 58 GO-BT).
Ein solches erstes Treffen gibt es auch außerhalb der Politik, etwa beim Betriebsrat: Der Wahlvorstand lädt innerhalb einer Woche nach dem Wahltag ein, damit der Vorsitz gewählt wird (§ 29 Betriebsverfassungsgesetz).

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